KPM – „IMPÉRIAL BITE“

IMPÉRIAL BITE
Porzellan, Körper und Einschreibung von Macht
Preface
Imperial Bite ist ein künstlerisches Projekt, das sich bewusst außerhalb klassischer Objektlogiken positioniert. Im Zentrum steht kein autonomes Kunstwerk im White Cube, sondern ein funktionales Element des menschlichen Körpers: ein Zahnimplantat. Dieses Implantat ist nicht bloß Träger einer künstlerischen Markierung, sondern selbst Ort der Einschreibung. Es verbindet medizinische Notwendigkeit mit historisch und kulturell hoch aufgeladenem Porzellanhandwerk und verschiebt damit die Grenze zwischen Kunstobjekt, Gebrauchsgegenstand und Körperbestandteil.
Der Titel verweist nicht auf Aggression, sondern auf Handlung. Der Biss steht für Aneignung, für Entscheidung, für eine irreversible Setzung. Was einmal im Mund verankert ist, entzieht sich dem schnellen Wechsel ästhetischer Moden. Imperial Bite denkt den Körper als Träger kultureller Zeichen weiter und stellt die Frage, wie tief diese Zeichen reichen dürfen.


Der Zahn als kultureller Ort
Der Zahn ist eines der wenigen Körperteile, die zugleich sichtbar und funktional, normiert und individuell sind. Er ist Werkzeug, Statusanzeiger und Projektionsfläche kultureller Zuschreibungen. In vielen Kulturen markiert der Zustand der Zähne soziale Zugehörigkeit, Gesundheit, Attraktivität oder Alter. Zugleich ist der Zahn medizinisch streng reguliert, technisch präzise definiert und in hohem Maße standardisiert.
Gerade diese Spannung macht ihn zu einem geeigneten Ort für künstlerische Intervention. Der Zahn ist kein neutraler Träger, sondern ein Ort, an dem sich Fragen von Kontrolle, Pflege, Optimierung und Identität verdichten. In Imperial Bite wird der Zahn nicht metaphorisch eingesetzt, sondern real bearbeitet. Die künstlerische Geste bleibt untrennbar mit seiner Funktion verbunden.
Porzellan als historischer Träger
Porzellan ist in Europa nie ein unschuldiges Material gewesen. Seit seiner Etablierung im 18. Jahrhundert ist es eng mit Macht, Repräsentation und technologischem Wissen verknüpft. Als Luxusgut, als diplomatisches Geschenk und als industrielles Prestigeobjekt war Porzellan stets mehr als bloßes Gebrauchsmedium. Es fungierte als Träger kultureller Selbstvergewisserung und als Zeichen staatlicher Souveränität.
In diesem Kontext ist Porzellan kein Material, das sich beiläufig verwenden ließe. Seine Geschichte ist eingeschrieben in Herstellungsprozesse, Farbdefinitionen und Markierungen. Imperial Bite greift diese Geschichte nicht illustrativ auf, sondern verlagert sie in einen neuen Kontext. Das Porzellan verlässt den gedeckten Tisch und wird Teil des Körpers. Die höfische Distanz wird durch Intimität ersetzt.


KPM Berlin und das kobaltblaue Zepter
Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin, gegründet 1763, steht bis heute für eine spezifische Verbindung von handwerklicher Präzision, staatlicher Geschichte und materieller Kontinuität. Das kobaltblaue Zepter, das jedes originale KPM-Porzellan kennzeichnet, ist dabei nicht bloß ein Logo, sondern ein Herkunfts- und Qualitätszeichen mit klar definierter Form und Farbigkeit.
Das verwendete Kobaltblau ist chemisch exakt bestimmt und entfaltet seine endgültige Erscheinung erst im Brennprozess. Es ist eine Farbe, die Verbindlichkeit markiert. Einmal eingebrannt, lässt sie sich nicht korrigieren oder übermalen. In Imperial Bite wird dieses Zeichen nicht abstrahiert oder verfremdet, sondern in seiner originalen Form verwendet. Das Zepter bleibt erkennbar und behält seine historische Lesbarkeit.
Indem das Zeichen in ein Zahnimplantat übertragen wird, verschiebt sich sein Bedeutungsraum. Es wird nicht mehr auf der Unterseite eines Tellers verborgen, sondern rückt an einen der sichtbarsten Orte des Körpers. Die Markierung höfischer Produktion wird zur Markierung individueller Existenz.
Medizin, Technik und Kooperation
Das Projekt bewegt sich bewusst innerhalb realer medizinischer und zahntechnischer Prozesse. Es handelt sich nicht um eine Simulation oder um ein rein symbolisches Objekt. Die Umsetzung erfordert die Zusammenarbeit mit einer Zahnarztpraxis sowie einem zahntechnischen Labor, das mit keramischen Werkstoffen arbeitet und die funktionale Integrität des Implantats sicherstellt.
Der künstlerische Eingriff erfolgt nicht gegen die Logik der Medizin, sondern innerhalb ihrer Parameter. Materialwahl, Form und Einbettung orientieren sich an den Anforderungen dentaler Praxis. Die künstlerische Setzung liegt in der bewussten Wahl des Zeichens und seiner Platzierung, nicht in der Negation der Funktion.

Kobaltblau als irreversible Entscheidung
Die Wahl des kobaltblauen Unterglasurdekors ist keine ästhetische Vorliebe, sondern eine konzeptuelle Entscheidung. Kobaltblau ist eine Farbe, die erst durch Hitze sichtbar wird und deren endgültige Erscheinung nicht vollständig kontrollierbar ist. Sie steht für Prozesse, die Vertrauen in Material und Technik erfordern.
Im Kontext eines Implantats erhält diese Eigenschaft eine zusätzliche Dimension. Das Zeichen ist nicht reversibel. Es kann nicht abgelegt oder ausgetauscht werden, ohne den Eingriff selbst rückgängig zu machen. Imperial Bite thematisiert damit auch die Frage nach Dauer und Verantwortung im Umgang mit kulturellen Zeichen.
Körper, Macht und Einschreibung
Historisch betrachtet waren Zeichen von Macht selten am Körper der Träger angebracht, sondern an Objekten, Architektur oder Kleidung. Imperial Bite kehrt dieses Verhältnis um. Das Zeichen wandert vom Objekt in den Körper und wird Teil einer individuellen Anatomie. Der Mund wird zum Ort kultureller Einschreibung, der nicht öffentlich inszeniert ist, sondern situativ sichtbar wird.
Damit stellt das Projekt Fragen nach Besitz, Identifikation und Repräsentation. Wem gehört ein Zeichen, wenn es Teil eines Körpers wird? Welche Verantwortung entsteht durch diese Nähe? Und wie verändert sich die Wahrnehmung von Tradition, wenn sie nicht mehr distanziert betrachtet, sondern physisch getragen wird?
Visuelle Umsetzung und Bildlogik
Die visuelle Darstellung des Projekts folgt einer reduzierten, präzisen Bildsprache. Im Vordergrund steht das Objekt selbst, isoliert und sachlich inszeniert. Makroaufnahmen des Zahns vor neutralem Hintergrund erlauben eine genaue Betrachtung von Materialität, Oberfläche und Farbe. Prozessbilder aus Porzellanmalerei, Labor und Brennofen schaffen Kontext, ohne narrativ zu überfrachten.
Der Körperbezug bleibt zurückhaltend. Statt expressiver Mundaufnahmen liegt der Fokus auf der Schnittstelle zwischen Objekt und Funktion. Die Bildabfolge folgt einer klaren Dramaturgie: vom einzelnen Objekt über den Herstellungsprozess hin zur kulturellen Einbettung.
Closing
Imperial Bite ist weder Schmuck noch Provokation im klassischen Sinne. Das Projekt operiert leise, aber konsequent. Es verschiebt etablierte Zeichen in einen neuen Kontext und stellt Fragen nach Nähe, Verantwortung und Dauer. Der Körper wird nicht zur Bühne, sondern zum Träger einer Geschichte, die sich nicht mehr auslagern lässt.
Das Zeichen bleibt. Der Biss auch.
